Plötzlich hatten wir nichts mehr

Das Mindener Tageblatt hat einen Artikel über Susan veröffentlicht, die seit einigen Wochen Auszubildende in unserer Praxis ist.

Susans größter Wunsch ist es, einmal nach Syrien zurückzukehren. Da sie aber weiß, dass dies momentan nicht möglich ist, versucht sie sich in Deutschland gut zu integrieren. Sie lernt Deutsch und durchlief bereits diverse Praktika. Ihre Hoffnung, anschließend einen Ausbildungsplatz zu erhalten, blieb jedoch lange unerfüllt. Vor sechs Wochen kam die Kehrtwende.
Im Kinderwunschzentrum am Simeonscarré boten Dr. Onno Buurman und seine Kollegen der 22-Jährigen einen Ausbildungsplatz an. Susan passe gut ins Team, betont Dr. Buurman. Er und seine Kollegen seien sich daher schnell einig gewesen, ihr einen Ausbildungsplatz anzubieten. „Leider dauert es in der Regel viel zu lange, bis Flüchtlinge in unserem Land in Lohn und Brot stehen“, so der Mediziner.

Eigentlich wollte sie nach ihrem Schulabschluss in Syrien Medizin studieren. Ihr Traum zerplatzte, als ihr Vater – ein Oppositionspolitiker – mit seiner Familie 2011 die Flucht antrat. Kurz zuvor war Susans älterer Bruder entführt und schließlich gegen ein Lösegeld wieder freigelassen worden. Für Susans Vater war danach klar, dass er mit seiner Familie sein Heimatland verlassen musste. Seine Kinder – Susan hat neben ihrem älteren Bruder noch vier jüngere Geschwister – habe er in seine Pläne nicht eingeweiht, sagt die junge Frau. „Wir sind zunächst in unserer Ferienhaus in die Türkei gefahren“, erinnert sie sich. Eines Tages sei die Familie dann auf ein Schiff gebracht worden.

„Wir waren etwa eine Woche auf dem Meer und während dieser Zeit ausschließlich unter Deck“, erinnert sich Susan. Ihre jüngste Schwester, die zu diesem Zeitpunkt gerade einmal drei Jahre alt war, habe nur geweint. Die Männer auf dem Schiff hätten ihr schließlich Tropfen zur Beruhigung gegeben. „Danach hat sie dann nur noch geschlafen“, erinnert sich die 22-Jährige. Vom Schiff aus wurde die Familie in eine kleine Wohnung gebracht. In welchem Land das war, weiß Susan nicht.

Am nächsten Tag ging es mit dem Auto weiter. „Eigentlich wollte mein Vater nach Italien, weil er früher schon diverse Male in dem Land war und dort einige Freunde leben“, erzählt Susan. Stattdessen landete die Familie in Dortmund.

„Keiner von uns konnte Deutsch“, erinnert sich Susan. Besonders für ihre Eltern sei es sehr schwer gewesen. In Syrien hätten sie in gut situierten Verhältnissen gelebt, sagt die junge Frau. So besitzt die Familie in Syrien mehrere Häuser. „Plötzlich hatten wir nichts mehr.“ Irgendwann landete die Familie in Thüringen, wo ihr Vater, der in seiner Heimat als Grundschullehrer gearbeitet hatte, einen Job als Hausmeister annahm.

In Minden wollten Susan und ihr ältester Bruder eine Ausbildung zum Physiotherapeuten machen. „Leider wussten wir nicht, dass wir dafür monatlich rund 900 Euro zahlen müssen“, bedauert die junge Frau. Und so zerplatzte auch dieser Traum für sie.

Verzweifelt suchte ihr Bruder nach einem Arbeitsplatz. In Syrien hatte er ein Studium zum Banker durchlaufen. „Seine Ausbildung wird in Deutschland aber leider nicht anerkannt“, bedauert Susan. Schließlich habe ihr Bruder einem Job in einem Fast-Food-Restaurant angenommen. „Wir müssen ja unsere Miete bezahlen“, erzählt die Frau, die mit ihrem Bruder zusammenlebt.

Überaus glücklich war Susan, als man ihr nach einem Praktikum im Kinderwunschzentrum einen Ausbildungsvertrag anbot. Die Arbeit sei sehr interessant und abwechslungsreich, schwärmt sie.

Inzwischen sind auch ihre Eltern mit den vier weiteren Geschwistern nach Minden gezogen. „Die Familie und ihr Zusammenhalt ist für uns sehr wichtig.“

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